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Krank zur Arbeit?

Präsentismus sorgt für Diskussionsstoff

Husten, Schnupfen, Bindehautentzündung: Wer krank zur Arbeit kommt, tut sich und den Mitbeschäftigten keinen Gefallen. Dieses Phänomen der Arbeitswelt nennt sich Präsentismus und hat Folgen für Beschäftigte und Unternehmen. Was können Betriebe dagegen tun?

Husten, Schnupfen, Bindehautentzündung: Viele Beschäftigte bleiben trotz Krankheit nicht zu Hause. So kam eine repräsentative Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2017 zu dem Ergebnis, dass mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmenden bisweilen krank zur Arbeit gehen. Damit gefährden sie nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die ihrer Kolleginnen und Kollegen. Zudem verringert sich die Produktivität. Beschäftigte, die krank am Arbeitsplatz erscheinen, sind weniger leistungsfähig, machen mehr Fehler und erleiden und verursachen mehr Unfälle. Anders ausgedrückt: Präsentismus kostet Unternehmen Geld. 

Weiterarbeiten – ja oder nein?

Studien unterstreichen: Wer krank weiterarbeitet schädigt die eigene Gesundheit dauerhaft. Auch die Gefahr einer Chronifizierung steigt.

Deshalb gilt meistens: Wer krank ist, braucht Ruhe. Das stimmt aber nicht immer. Präsentismus kann sich im Einzelfall auch stabilisierend auswirken. Denn es gibt chronische oder psychische Erkrankungen, bei denen es gut ist, weiter zu arbeiten, da Arbeit in diesem Falle Sicherheit und Struktur bietet. „Es ist individuell abzuwägen, ob trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung ein Weiterarbeiten angezeigt ist,“ erklärt Anja Mücklich vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). „Das hängt von der Art der Beeinträchtigung ab und vom Arbeitsplatz. Gefährlich wird es, wenn häufig oder längere Zeit gegen ärztlichen Rat weitergearbeitet wird oder Beschäftigte erst gar nicht zum Arzt gehen, damit sie weiterarbeiten können und dadurch der Heilungsprozess beeinträchtigt wird“, so die Expertin weiter. Gegenüber Beschäftigten, denen es an Einsicht mangelt und die deshalb weiterarbeiten, sollten Betriebe klar äußern, dass dieses Verhalten unerwünscht ist.


Gesundheitskompetenz fördern

Ob aus Pflichtgefühl, der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder der Befürchtung beruflicher Nachteile: Gründe für das Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit gibt es viele. Um dem entgegenzuwirken, sollten Unternehmen ihre Kultur und Werte prüfen: Unterstützt das Unternehmen Präsentismus unter den Mitarbeitenden – oft sogar unbeabsichtigt? In Zeiten von ergebnisorientierter Projektarbeit mit oft hohem Termin- und Leistungsdruck müssen Beschäftigte in der Lage sein, eigene gesundheitliche Grenzen zu beachten. Sonst werden Krankheiten möglicherweise verschleppt. Betriebe können Beschäftigte darin unterstützen, gesundheitsdienliche Entscheidungen zu treffen, indem sie gezielt die Gesundheitskompetenz fördern. Andererseits braucht es selbst dort, wo die Verhältnisse gut sind, das entsprechende Verhalten der Mitarbeitenden. Es müssen also alle mitmachen.

Denjenigen Beschäftigten, die besonders anfällig für ein gesundheitsgefährdendes Verhalten sind, können Betriebe gezielte Coachings anbieten. So können Mitarbeitende sensibilisiert und unterstützt werden.

Auch konkrete Maßnahmen sollten ergriffen werden, um Krankheiten wie die Grippe schon im Vorfeld zu verhindern. Durch Heizungsluft trocknen zum Beispiel die Schleimhäute schneller aus. Sie sind so Nährboden für Erkältungserreger. Dagegen helfen intensives Lüften und viel trinken. Auch Grippeschutzimpfungen und Hinweise zum richtigen Händewaschen bieten sich an. Mitarbeitende, die mit Schnupfen zur Arbeit erscheinen und nicht in die Armbeuge niesen, sollten darauf hingewiesen werden.  

Ebenso wichtig ist ein funktionierendes betriebliches Wiedereingliederungsmanagement (BEM). Beispiele von gelungenen Behandlungen und Wiedereingliederungen können dann etwa intern kommuniziert werden. So wird Betroffenen die Angst genommen, Nachteile zu erwarten, wenn sie nach längeren Fehlzeiten die Arbeit wieder aufnehmen. 

Vorbild Führungskraft

Hat Gesundheit im Unternehmen nur einen geringen Stellenwert und stehen schnelle Ergebnisse im Vordergrund, hat die mittlere und untere Managementebene kaum Chancen, im Sinne ihrer Beschäftigten zu führen – sie werden den Druck nach unten weitergeben. Die beste Prävention gegen Präsentismus ist hingegen eine Unternehmenskultur, die wertschätzend ist und Beschäftigten Sicherheit vermittelt.

Neben fairen Arbeitsverträgen, realistischen Zielvereinbarungen und Vertretungsregelungen können auch Führungskräfte mit ihrem Verhalten dazu beitragen, Präsentismus zu bekämpfen. Forschungen konnten zeigen, dass gute Führung Präsentismuskosten senken kann. Für gute Aufgabenverteilungen, faire Leistungsvorgaben sowie Dialogbereitschaft sind Führungskräfte immer (mit)verantwortlich – und damit auch für ein gesundheitsförderliches Arbeitsumfeld. Damit Führungskräfte das leisten können, brauchen sie den Rückhalt der Geschäftsführung beziehungsweise ihrer Vorgesetzten. Denn von einer gemeinsamen Strategie gegen Präsentismus profitieren am Ende alle: Beschäftigte, Vorgesetzte und der Betrieb insgesamt.

 

Beitrag aus: topeins
Autoren: Florian Jung / Maren Zeidler

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