Nikolas' schwerer Schulunfall

Schritt für Schritt zurück in den Alltag – trotz Querschnittlähmung

Es ist ein Schultag wie jeder andere, als Nikolas Stein am 28. September 2018 im Sportleistungskurs des Gymnasiums zu St. Katharinen in Oppenheim am Hochreck trainiert. Der 17-Jährige ist leidenschaftlicher Sportler, vor allem Fußball und Speerwurf gehören zu seinen Lieblingsdisziplinen. Beim Salto rückwärts vom Reck verliert der Schüler der Stufe 12 plötzlich die Kontrolle, stürzt unglücklich und verletzt sich schwer. Die Diagnose: Luxationsverletzung der Halswirbelsäule, inkomplette Querschnittlähmung.

Heute, rund eineinhalb Jahre später, kann Nikolas wieder seine Hände bewegen und auf eigenen Füßen gehen. Mit diesem Rehabilitationsverlauf hatten weder Ärzte noch Therapeuten gerechnet.  Am 26. Mai wird Nikolas‘ kraftzehrender Rehabilitationsweg in der ZDF-Dokumentation 37 Grad und am 31. Mai in dem Kinderwissensmagazin PUR+ zu sehen sein. Zu Beginn der Dreharbeiten war nicht absehbar, dass es ein Filmbeitrag zum Thema Laufen wird.

Die Fragen, welche Organe und Körperteile wie stark betroffen sind und es bleiben werden, das vermochte nach dem Unfall zunächst niemand zu beantworten. „Es gibt nichts Schlimmeres, als diese Ungewissheit, zu hoffen und nicht zu wissen, ob und wie es weitergeht!“, sagt Nikolas. „Die Ärzte haben die Hoffnungen erstmal gedämpft, damit Nikolas nicht enttäuscht ist“, ergänzt seine Mutter Nadja Stein. 

Willenskraft, Ehrgeiz & Training

Doch nach wochenlangem Hoffen kamen Gefühl und Bewegung in Armen, Händen, Rumpf und Beinen zaghaft zurück. Und Nikolas ergriff seine Chance: Er war von Anfang an hoch motiviert und hat sich mit starker Willenskraft und großem Ehrgeiz auf die Empfehlungen der Ärztinnen, Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten eingelassen und unermüdlich trainiert. Seine enormen Fortschritte und die Geschwindigkeit seiner Rehabilitation haben alle Beteiligten überrascht. Begleitet wurde der Rehabilitationsprozess durch einen Reha-Manager der Unfallkasse Rheinland-Pfalz, die als Unfallversicherungsträgerin bei Schulunfällen alle Reha-Maßnahmen mit der Familie, den Ärztinnen und Ärzten sowie den Therapeutinnen und Therapeuten  abstimmt. 

Herr des eigenen Körpers werden

Mehr als ein halbes Jahr kämpfte Nikolas in der Universitätsklinik Heidelberg mit aller Kraft darum, wieder „Herr seines Körpers“ zu werden, vor allem seine Hände und Beine zu spüren und bewegen zu können.  Während er dort die bittersten, aber auch die schönsten Momente in seinem Leben nach dem Unfall erfuhr, begann zu Hause der individuell auf Nikolas Situation angepasste Hausumbau unter Federführung der Unfallkasse. Mittlerweile fährt der heute 19-Jährige wieder selbst Auto und wird 2021 am St. Katharinen Gymnasium Abitur machen.

„Nach den sechs Monaten Heidelberg war ich durch. Und es war höchste Zeit, nach Hause zu kommen“, blickt Nikolas zurück. „Als ich das erste Mal nach dem Unfall auf eigenen Füßen gehen konnte, das war der schönste Moment, voll der Flash. Und das Beste war, dass ich die Klinik in Heidelberg auf eigenen Füßen verlassen konnte.“


Reha – Mit dem Kamerateam im Schlepptau

Ein Team des ZDF  begleitet Nikolas und seine Familie seit Dezember 2018 mit der Kamera. „Ich weiß noch, als Nikolas in Heidelberg seine Beine mit den Händen hochhieven musste, weil er kein Gefühl mehr darin hatte und sie auch nicht bewegen konnte“, erinnert sich ZDF-PUR+ Redakteurin Carina Schulz. „In der ersten Zeit der Dreharbeiten war nicht klar, dass wir Nikolas dabei begleiten, wie er wieder laufen lernt.“  

Die TV-Journalistin und ihr Kamerateam sind dabei, als Nikolas in der Heidelberger Uniklinik seine ersten Schritte macht und als anlässlich seines 18. Geburtstages eine Überraschungsfeier für ihn gestartet wird, zu der 30 Freunde nach Heidelberg reisen. Zu diesem Zeitpunkt kann er gerade ein paar Schritte am Rollator gehen, und seine Eltern befürchten, dass er von den Umarmungen umgeworfen wird. Auch ein paar Monate später wird Nikolas mit der Kamera begleitet, als er – gerade zurück aus der Reha und unterstützt von seinem Vater Karsten – am Schulausflug zum Bodensee teilnimmt.

Nach den Sommerferien 2019, fast ein Jahr nach seinem Unfall, kehrt Nikolas an seine Schule zurück und beginnt noch einmal mit der 12. Jahrgangsstufe.

Neue Kurse, neue Mitschüler, ein neues Leben

„Neue Kurse, neue Mitschüler, ein neues Leben“, umschreibt Nikolas. Nichts ist mehr wie es früher war. Und dennoch: „Es war wie Nachhause-Kommen“, erinnert er sich an die ersten Schultage. „Schade nur, dass ich nicht mehr mit meinen früheren Freunden gemeinsam im Unterricht bin.“

Statt wie früher mit dem Fahrrad fährt er nun mit dem Auto zur Schule. Dort kann er dann in die Unterrichtsräume laufen. Anfangs sei ihm jeder Weg, den er in der Schule zurücklegen musste, vorgekommen, wie ein Marathon.

Und auch jetzt noch gilt: „Vieles braucht mehr Zeit, ich bin schneller erschöpft und muss häufiger ausruhen“, so Nikolas.  Zudem prägen jetzt Physiotherapie, Reha-Sport und -Training seinen Alltag und bestimmen seinen Tagesablauf.  „Trainiert habe ich auch vor dem Unfall viel. Aber jetzt ist alles anders.“