Wenn die Arbeit im Wald der Psyche zusetzt

Folgen des Klimawandels stellen vor neue Herausforderungen

Stürme, Trockenheit und Schädlinge setzen ihnen mehr und mehr zu: 82 Prozent der Bäume in Rheinland-Pfalz sind laut Waldzustandsbericht von 2019 geschädigt. Auch für Laien, die im Wald unterwegs sind, sind die Folgen des Klimawandels inzwischen unübersehbar geworden: Wo vor Kurzem noch Wald war, ist nun vielleicht nur noch ein staubiges Trümmerfeld übriggeblieben. Der Anblick tut weh. Doch Spaziergänger können den Wald einfach verlassen. Wer allerdings im Wald arbeitet, ist den ganzen Tag mit dem Desaster konfrontiert.

Waldsterben: Mehr Arbeit und Gefahren durch Tothölzer

Das landesweite Waldsterben und die großen Flächen von Tothölzern stellen die Beschäftigten im Forst vor immense Probleme. Borkenkäfer und andere Schädlinge, Komplexkrankheiten und Trockenheit lassen ganze Wälder absterben.

Das beschert den Forstbeschäftigten Unmengen an Arbeit: Das von Schädlingen befallene Totholz sollte im Idealfall zeitnah gefällt und abtransportiert werden.

Sobald Totholz flächig auftritt, kommt den Aspekten der Arbeitssicherheit besondere Bedeutung zu. Grund: Mit fortschreitender Dauer nehmen bei „stehendem Totholz“ die Gefahren durch Holz- und Wurzelzersetzung zu. Die Zeit drängt auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Bleiben Tothölzer zu lange stehen, sind aufgrund der Gefahren infolge abbrechender Äste, ganzer Kronen und Stämme betriebliche Tätigkeiten in diesem Bereich auf Jahre hinweg ausgeschlossen.


Der Niedergang des Waldes geht an den Menschen, die dort tagtäglich arbeiten, nicht spurlos vorbei.

„Die Situation belastet viele Forstmitarbeitende immens. Tag für Tag erleben sie, wie ein Mehrgenerationenwerk, das über mehr als 100 Jahre gewachsen ist, zugrunde geht – für viele eine enorme psychische Belastung", so Axel Stelzer, Präventionsfachmann für den Forst bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz.

... die erhöhten Risiken und Erschwernisse insbesondere bei der motormanuellen Fällung und Aufarbeitung sowie das insgesamt hohe Arbeitsaufkommen für die Forstbeschäftigten sind nur das Eine. Die Arbeit in einem Umfeld, das im drastischsten Fall an einen Kriegsschauplatz erinnert, ist eine ganz andere Sache.


Psychische Belastungen werden sichtbar

Die Sorge um die Waldschäden und die damit verbundenen psychischen Belastungen spiegeln sich auch in der Betrieblichen Sozialberatung der Forstverwaltung wider. Wie Sozialberaterin Sabine Najemnik berichtet, können die psychischen Belastungen unmittelbare Auswirkungen auf die Wahrnehmung, das Denken, das Fühlen, das Erinnern und Verhalten der Beschäftigten haben.

Die psychische Beanspruchung sei auch abhängig von den Leistungsvoraussetzungen einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien. Unmittelbare Reaktionen könnten sich in körperlichen und psychischen Veränderungen, etwa erhöhtem Blutdruck oder Konzentrationsprobleme zeigen.

Im Beratungsprozess geht es um die Analyse von „Stressoren“, zu denen Leistungs- und Zeitdruck, Selbstüberforderung, Perfektionismus gehören. Dies kann sich in unterschiedlichen Stressreaktionen wie Verspannungen, Schlafstörungen, Grübeln, Ängsten äußern. Gemeinsam mit dem jeweiligen Beschäftigten werden Bewältigungsstrategien erarbeitet und umgesetzt. Entspannungsmethoden, Sport und die Pflege sozialer Beziehungen können hilfreiche Strategien sein, um den Kopf wieder frei zu bekommen. 

Auch die Förderung der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) und die Aktivierung persönlicher Ressourcen sind Themen der Sozialberatung. „Ein Perspektivwechsel ist der Schlüssel zu neuen Ideen und kann helfen, die Krise zu meistern“, so Najemnik. Es gelte, die alte Identität „Wald“ umzugestalten und Raum für neue Identitäten zu schaffen. Dabei müssten Konflikte behandelt und Verluste aufgearbeitet werden. Dies erfordere nicht selten eine große Anpassungsleistung, so die Sozialberaterin.


Doch es gibt auch positive Nachrichten ...

Trotz der desolaten Situation im Wald und der daraus resultierenden Mehrbelastung der Forstbeschäftigten gibt es auch eine halbwegs positive Nachricht zu vermelden: „Die Unfallzahlen sind unverändert beziehungsweise sogar tendenziell rückläufig“, bilanziert Präventionsfachmann Axel Stelzer. Dazu trage auch das Konzept „Weiterentwicklung der Sicherheitskultur zur Verbesserung der Arbeitssicherheit“ bei, das Landesforsten seit 2011 mit Unterstützung der Unfallkasse Rheinland-Pfalz umsetzen. Ziel ist es, das Bewusstsein für sicheres Arbeiten und die wertschätzende Kommunikation der Forstbeschäftigten auf allen Hierarchieebenen zu stärken.

Der vor Jahren angestoßene Präventionsprozess zahlt sich aus. Das zeigt der Blick auf die Zahlen des Jahres 2019: Bei 42 meldepflichtigen Arbeitsunfällen im Staatswald Rheinland-Pfalz – davon wurden rund zwei Drittel als leichte Unfälle eingestuft – fielen die unfallbedingten Ausfalltage auf den Allzeit-Tiefstwert von 858 Tagen. Die meisten Unfälle standen in Verbindung mit Stolpern, Rutschen oder Stürzen (SRS-Unfälle); einen sehr großen Anteil hatten auch Unfälle mit Werkzeugen. Ebenfalls bemerkenswert: Bei der Aufarbeitung des Holzes passierten deutlich mehr Unfälle als bei der Fällung – eine wichtige Erkenntnis für die künftige Unfallprävention. 
Die im bundesweiten Branchenvergleich niedrigen Unfallzahlen sind für Stefan Asam, Direktor der Zentralstelle der Forstverwaltung Rheinland-Pfalz, aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen: „Jeder einzelne Unfall ist einer zu viel! Unser unverrückbares Ziel muss weiterhin die ‚Null‘ sein. Daher gilt es, unser Konzept der ‚Weiterentwicklung der Sicherheitskultur zur Verbesserung der Arbeitssicherheit‘ als wesentlichen Erfolgsfaktor konsequent und im Rahmen einer alle Ebenen einbeziehenden Verantwortungsgemeinschaft weiter mit Leben zu erfüllen“, sagt er. Dies gelte auch ganz besonders mit Blick auf Wälder mit hohem Totholzanteil, deren Umfang klimawandelbedingt dramatisch zunehme.

Task Force Borkenkäfer

Der mit der langanhaltenden Dürre der Jahre 2018 und 2019 einhergehende massive Borkenkäferbefall hatte die Einberufung der „Task Force Borkenkäfer“ bei der Zentralstelle der Forstverwaltung zur Folge.

Diese erarbeitete mit Unterstützung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit und unter Einbeziehung zahlreicher forstlicher Praktiker unter anderem die neue Handlungshilfe „Aspekte der Arbeitssicherheit in Wäldern mit hohem Totholzanteil“.