Unabhängig sein – auch im Rollstuhl

Was jeder Einzelne von uns tun kann um Teilhabe zu fördern

 

Unserem Auge erscheint die Straßenoberfläche eben. Aber wussten Sie, dass zu jedem Gullydeckel und Rinnstein hin, die Straße von allen Seiten abfällt? Jeremias Meißners Wahrnehmung hat sich in diesem Punkt verändert. „Die Asphaltdecke hat zur Entwässerung der Straße ein Gefälle. Das merkt man, wenn die Räder des Rollstuhls wegrollen oder man schief sitzt“, berichtet er. Der 23-Jährige Rüberer ist Dualer Student zum Unfallversicherungssachbearbeiter bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz. Seit circa vier Jahren ist Jeremias Rollstuhlfahrer und weiß genau, wo die Barrieren und Hürden liegen.

Ein Thema, das nicht nur ihn beschäftigt. Darum soll das Mobilitätstraining „MOBI – Mobilität 2020“, veranstaltet durch das Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS), Rollstuhlnutzern das Überwinden solcher Barrieren vereinfachen.

 

"Gibt es Treppen? Gibt es Parkplätze? Gibt es eine barrierefreie Toilette? Da steckt schon Arbeitsaufwand dahinter“, erklärt er. Jeremias ist fit in seinem Rollstuhl. Dennoch gibt es Faktoren, auf die er keinen Einfluss hat. „Oft sind die Aufzüge in U-Bahn-Stationen oder in Bahnhöfen kaputt. Da hilft es, wenn man selbstständig Rolltreppe fahren kann.“

„Bis zu einem gewissen Punkt kann man selbst etwas tun und an sich arbeiten, um besser und flexibler zu werden. Aber es gibt auch äußere Gegebenheiten die man nicht beeinflussen kann und dann benötige ich Unterstützung. Bisher habe ich immer viel Höflichkeit und Hilfe erfahren. Sei es im Supermarkt, wenn etwas zu hoch im Regal liegt oder im Bus, wenn mir jemand die Rampe ausklappt. Wenn die Menschen aufmerksam sind und Hilfe anbieten, das macht vieles einfacher oder erst möglich. Dafür bin ich sehr dankbar“, weiß Jeremias Meißner.

Abseits der Straße, gestaltet sich die Fortbewegung noch anstrengender. Weiche und unebene Untergründe, wie Rasen oder Schotter, machen das Fahren eines Rollstuhls sehr schwer. Dennoch kommt es vor, dass barrierefreie Gebäude, die auch als solche ausgewiesen sind, lediglich Schotterparkplätze anbieten. Auch Kopfsteinpflaster, in nahezu jeder Altstadt zu finden, erschwert die Fortbewegung mit dem Rollstuhl.

Unangenehm wird es dann, wenn man im Restaurant die Stühle der anderen Gäste anrempelt. Tische stehen oft so dicht an dicht, dass die Gänge nicht breit genug für den Menschen mit Rollstuhl sind. Das Gleiche gilt für den Weg zu den oft nicht barrierefreien Toiletten. „Man kann leider vorher nie erahnen, ob man mit dem Rolli durch die Tür passt“, lacht Jeremias Meißner. Jeder Besuch bedarf großer Planung.

Aufmerksam sein, Hilfe anbieten und unser Verhalten überdenken, damit können wir alle Teilhabe fördern. Autofahrerinnen und Autofahrer blockieren oft den Gehweg mit einem parkenden Auto. Ihnen ist meist nicht bewusst, welch großer Zeit- und Kraftaufwand dahintersteckt, wenn mit dem Rollstuhl ein hoher Bordstein runter und anschließend auch wieder hochgefahren werden muss. Auch das Freihalten von abgesenkten Bordsteinen ist immer eine große Hilfe.

Um die Mobilität von Rollstuhlnutzerinnen und Rollstuhlnutzern weiter zu fördern und ihnen mehr Teilhabe zu ermöglichen, führt ein Team des Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS) ein Mobilitätstraining durch.  Die Teilnehmenden erhalten zwei Tage Training im Abstand von vier Wochen. Während dieser vier Wochen, können sie über eine Onlineplattform das Training zu Hause weiterführen. Die Ergebnisse des Trainings helfen nicht nur den Teilnehmenden selbst, sondern auch dem Team des FIBS, um zukünftig zielführende Mobilitätstrainings für Rollstuhlnutzerinnen und Rollstuhlnutzer durchzuführen.

Das Training unter dem Titel „MOBI – Mobilität 2020“ vom FIBS findet am 13. April 2019 und am 11. Mai 2019 in den Räumlichkeiten der Unfallkasse Rheinland-Pfalz in Andernach statt.