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Unfallkasse Rheinland-Pfalz | Sabrina Busch: Crip Time

Crip Time – eine alternative Sichtweise auf Geschwindigkeit

Sabrina Busch über eine Zeitrechnung, die aus der Norm fällt

Theoretisch funktioniert unser Leben in einem klar abgesteckten Zeitrahmen: Wir messen unsere Entwicklung, unsere Errungenschaften und Erfolge an bestimmten zeitlichen Meilensteinen. Unser Verständnis von Zeit ist heutzutage eng verbunden mit Effizienz, Erfolg und Leistung, und oftmals werden dabei Lebensrealitäten, die nicht in normative Raster passen, ausgegrenzt und nicht gehört. Sie bleiben unsichtbar.

Unsere Zeit und die Art und Weise, wie wir sie verbringen, wird jedoch zunehmend auch politisch diskutiert. Menschen wie Teresa Bücker und viele andere kämpfen dafür, dass endlich anerkannt wird, dass unzählige Stunden unbezahlte Care-Arbeit vorwiegend von Frauen geleistet werden; dass Zeit in Leben investiert wird, die weder wertgeschätzt noch entlohnt wird; dass wir Zeit abseits vom klassischen 8-Stunden-Tag plus Überstunden sehen müssen; und dass Zeit nicht ausschließlich privat, sondern vor allem politisch ist.


Das Konzept der Crip Time* – auf Deutsch „Krüppel-Zeit“ – liefert ein Gegenbeispiel zu der normativen Zeit, in die
unsere Leistungsgesellschaft Beruf, Familie, Gesundheit, Weiterbildung, Freundschaften und Erholung zu stecken vermag. Denn Crip Time hebt hervor, dass Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten für viele Dinge
oft länger brauchen als nicht-behinderte Menschen. Dies
kann daran liegen, dass aufgrund von Fatigue oder Schmerzen Zeit verstreicht, die nicht aktiv genutzt werden kann. Oder auch, dass die Person häufiger und länger
Pausen machen muss. Zudem ist es einfach so, dass strukturelle und systemische Barrieren richtige Zeitfresser sind.

Angelehnt an die „Spoon Theory“, über die ich in einem früheren Kolumnenbeitrag geschrieben habe, hilft das Konzept von Crip Time dabei, diverse Lebensrealitäten sichtbar, verstehbar und greifbar zu machen. Auch nach Jahren im Rollstuhl ertappe ich mich regelmäßig dabei, dass ich Termine plane und vergesse. Zudem erkenne ich, dass meine Wege mit zusätzlichen Zeitlöchern gespickt sind, in die ich falle oder auch hinterlistig hineingezogen werde.

Ich rechne nicht mit ein, dass ich meinen Rollstuhl verladen oder auf den Aufzug warten muss, dass Wege länger sind, weil der Haupteingang nicht barrierefrei ist und ich durch dubiose Hintereingänge gelotst werden oder wilden Beschilderungen folgen muss, um schließlich dort anzukommen, wo ich hinmöchte. Mal abgesehen von der Außenwelt gibt es auch Vieles im eigenen Zuhause, was länger dauert, und das ist auch in Ordnung.

Crip Time beinhaltet auch die organisatorischen Zeitaufwendungen, die mit einer Behinderung oder Erkrankung einhergehen: Arzttermine, die Beantragung von Medikamenten- und Therapieversorgungen, die Informationsbeschaffung über Örtlichkeiten – recherchieren, anrufen, E-Mails schreiben, um herauszufinden, ob sie zugänglich sind, ob es rollstuhlgerechte Toiletten gibt, wie sich sehbehinderte oder blinde Menschen zurechtfinden können, bürokratische Aufgaben, die Instandhaltung von Hilfsmitteln, Besuche beim Sanitätshaus et cetera pp.

Für mein Alter Ego, „Secretary Sabrina“, und genau solche organisatorischen Aufgaben habe ich beispielsweise mindestens einen Vormittag in der Woche geblockt. Meistens ist auch das zu eng kalkuliert. Zu dieser Zeitrechnung kommen dann noch die regelmäßigen und fortlaufenden Therapien, gegebenenfalls selbstständige Übungen zu Hause sowie Erholungsphasen, die in ihrer Dauer auch stark von der Tagesform, den Anstrengungen der Tage zuvor oder auch im Hinblick auf anstehende Termine und Pläne abhängen.

Kurzum: In meinen 24 Stunden müssen viele Extras untergebracht werden, weil ich eine Behinderung habe. Und so geht es sehr vielen anderen Menschen auch. Je nach Behinderung, Versorgung und sozialer Unterstützung variiert die aufzubringende Zeit natürlich stark. Das Navigieren von strukturellen Barrieren kostet aber immer Zeit und Energie, die dann im Zusammenspiel mit den eigenen Belastungsgrenzen für andere Pläne oder Aufgaben fehlen.

Obwohl diese Zeitlöcher schmerzen, weil sie bedeuten, dass für andere Menschen und Abenteuer manchmal weder Zeit noch Energie übrig ist, ist die Anerkennung, dass meine Zeitrechnung aus der Norm fällt, auch befreiend. Während ich versuche, mich an ein System anzupassen, dass meine Lebensrealität nicht miteinbezieht, verschwende ich Lebensmühe. Eine flächendeckende Anerkennung, dass all unsere Leben unterschiedlich sind und dass wir Zeit individuell einteilen müssen, wäre ein weiterer Schritt in eine inklusivere Gesellschaft.

* Im Konzept der „Crip Time“ wird – vor allem unter akademischen Aktivisten und Aktivistinnen der Behindertenbewegung – die zumeist als Beleidigung aufgefasste Bezeichnung „cripple“ (Krüppel) als Eigenbezeichnung zurückerobert. Durch dieses „Reclaimen“ will sich die Community von den Herabwürdigungen gegenüber Behinderten emanzipieren. Außerdem ermöglichen Terminologien, die in den Disability Studies angewendet werden, Konzepte sichtbar zu machen und ihnen eine Sprache zu geben, die bislang in der Geschichte schlichtweg nicht vorkamen. Der Gebrauch dieses Begriffs ist jedoch nicht universell anerkannt.

Wer mehr über Crip Time erfahren möchte, findet hier einige Leseempfehlungen:

Von der "Crip Time" zur "Spoon Theory"

Verwandt mit dem Konzept der Crip Time ist die "Spoon Theory", über die Sabrina Busch auch schon eine
Kolumne in der ampel geschrieben hat. Lesen Sie doch mal rein!

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