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Unfallkasse Rheinland-Pfalz | Sabrina Busch: Mein Freund, der Held

Sabrina Busch: Mein Freund, der Held

Es gibt Fragen, die mir häufiger gestellt werden als andere. Eine dieser häufigen Fragen ist, ob mein Freund und ich schon vor dem Unfall, der mich querschnittlähmte, zusammen waren. Und wenn ich diese Frage dann bejahe, kommt meist folgende Reaktion: "Wow. Was für ein toller Mann."

Dagegen kann ich grundsätzlich auch nichts sagen, aber seit jeher hatte ich nach dieser Reaktion ein mulmiges Gefühl. Mittlerweile habe ich erkannt, dass dieses mulmige Gefühl seinen Ursprung darin hat, dass alles was diesen tollen Mann in den Augen der Fremden ausmacht, die Tatsache ist, dass er nach meinem Unfall nicht die Koffer packte und das Weite suchte. Dieses mulmige Gefühl ist auf die Reaktion der Fremden zurückzuführen, die impliziert: Mit Behinderung bin ich schwerer haltbar. Denn vor meinem Unfall hat mir niemand dafür gratuliert, einen Partner gefunden zu haben, abgesehen vielleicht von meinen Eltern, die schon wussten worauf er sich da eingelassen hatte. In der ersten Zeit nach dem Unfall habe ich jedoch immer noch ganz selig gelächelt und den Leuten dann zugestimmt. Und vielleicht habe ich ihnen insgeheim sogar ein bisschen Recht gegeben. Und danach fühlte ich mich nicht nur von meinem Gegenüber herablassend behandelt, sondern auch von mir selbst.

Er ist tief in uns verankert dieser Ableismus, diese Überzeugung, dass Behinderung automatisch ein minderwertiger Zustand des Menschseins ist. Diese Art von Überzeugungen haben sich mittlerweile so sehr in unserer Gesellschaft verfestigt, dass sie uns unbewusst vorgeben, wer Beziehungen und Liebe verdient und wer nicht. Sie vermitteln uns konstant ein Bild von dem, was wir sein müssen, um überhaupt als potenzielle Partnerinnen oder Partner infrage zu kommen: Schön, schlank, trainiert, sportlich, erfolgreich, intelligent etc. 

Wir wachsen mit diesen Werten auf und fühlen uns wertlos, wenn wir diesen Idealen nicht entsprechen können. Ohne Selbstwertgefühl, ohne das Gefühl von dem eigenen sozialen Umfeld geschätzt und respektiert zu werden, ist es sehr schwierig, die eigenen körperlichen, aber auch emotionalen Grenzen zu kennen und für sie einzustehen. Das gilt sowohl für behinderte als auch nicht behinderte Menschen.

„Wow, was für ein toller Mann!“ Das ist dann also schnell gesagt, impliziert mir aber stetig aufs Neue, dass unsere Gesellschaft noch immer Behinderung mit Verderben gleichsetzt. Es zeigt mir, dass eine Behinderung als diese nur schwer tragbare Last angesehen wird.

Seit ein paar Jahren versuche ich, mir selbst immer wieder aktiv bewusst zu machen, dass wir einfach alle Körper haben, die anders funktionieren. Und dass die Beziehungen zwischen Menschen nichts anderes vorausetzen sollte als die Tatsache, dass sie zusammen glücklicher sind als getrennt. Beziehungen, die eben nicht dem normativen Bild entsprechen, können durch die Akzeptanz unserer gesellschaftlichen Vielfalt endlich als das angesehen werden, was sie nun mal sind: ein Teil unserer Gesellschaft. Mein Freund würde vielleicht keine imaginären Orden oder gedanklichen Applause erhalten, aber wir wären der Inklusion als Ganzes sehr viel näher.

Mein Lebensgefährte  ist seit jeher sehr weise. Ich kannte ihn nicht als Kind, aber ich stelle mir vor, dass er schon in jungen Jahren vor seinem Dinosaurier-Poster über Gott und die Welt philosophierte. Er sagt Dinge wie: „Alles verändert sich stetig. Es ist Zeitverschwendung, sich einen früheren Zustand zurückzuwünschen, denn nichts ist gleichbleibend. Alles befindet sich kontinuierlich in einem Prozess."

Also befinden wir uns eben gemeinsam in diesem Prozess, der hin und wieder frustrierend ist und uns bei dem ein oder anderen Spaziergang abseits flacher, betonierter Wege bereits an unsere körperlichen Grenzen getrieben hat, der Tränen oder eine Schimpftirade beinhaltet, weil Orte nicht zugänglich sind, aber sehr oft auch gar nichts mit der Behinderung zu tun hat.

Wenn ich meinen Freund danach frage, was er davon hält, dass die meisten Fremden so auf unsere Beziehung reagieren, zuckt er meistens nur mit den Schultern. Ein Held sei er ja, so oder so, spasst er wirklich jedes einzelne Mal. Manchmal fügt er dann noch kopfschüttelnd hinzu, dass diese Annahmen leider noch immer tief verankert in unserer Gesellschaft sind. Meistens zwinkert er mir nur zu, als wäre das unser Zeichen für den geheimen Club, in dem wir uns befinden und in dem es keine Soll-und-Haben-Rechnung gibt. In dem Aufgaben so aufgeteilt werden, wie sie funktionieren und in dem man Verständnis für die Lebenssituation des anderen hat. Und bislang sind wir einfach zusammen glücklicher als getrennt.

Ich weiß, dass mein Freund ein toller Mensch ist, weil ich mit ihm zusammenlebe. Wenn Fremde aber - ohne ihn ansatzweise zu kennen - direkt darauf schließen, nur weil er mich nicht verstoßen hat, muss ich mittlerweile einschreiten. Anstatt selig zu lächeln, gehe ich nun in die - zugegebenermaßen überspitzte Konfrontation: Natürlich ist der toll. Bin ich ja schließlich auch.

Das bringt mein Gegenüber dann meistens ein bisschen aus dem Konzept, und das finde ich schelmischerweise witzig.

Weniger überspitzt ist es einfach so: Wir haben unheimliches Glück, dass wir uns über den Weg gelaufen sind, denn wir können uns echt gut leiden.

Es kostet immer wieder Energie, mich diesen ableistischen Kommentaren auszusetzen, sie selbst als solche zu identifizieren, ihnen zu widersprechen und den eigenen berechtigten Platz inmitten der Gesellschaft einzufordern. Deshalb brauche ich auch immer wieder Tage, an denen ich mich in meinem Zuhause sammele, mit Menschen und Hobbys beschäftige, die mich Energie tanken lassen, um mich dann aufs Neue ins Getümmel stürzen zu können.

Sabrina Busch