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Unfallkasse Rheinland-Pfalz | Sabrina Busch: Hilflosigkeit und andere Hindernisse

Sabrina Busch: Hilflosigkeit und andere Hindernisse

Im Jahr 2022 ist es für Menschen mit Behinderungen immer noch nahezu unmöglich, selbstbestimmt zu reisen

Im Jahre 2021 fand der erste Raumfahrttourismus statt. Während mich das Weltall wirklich gar nicht als Reiseziel interessiert, bleibt mein Fernweh für Orte auf dem Planeten Erde mein stetiger Begleiter. Als ich darüber nachdachte, dass diese Art von Raumfahrt für Menschen möglich ist, die weder Astronauten, noch anderweitig ausgebildet sind, musste ich unwillkürlich an meine persönlichen Reiseerfahrungen innerhalb unserer Atmosphäre denken. Sie gleichen einem ähnlich komplizierten Unterfangen.

Toilettengang im Flieger ist ein kaum lösbarer Prozess

Vor Flügen innerhalb unseres Planeten, trinke ich oft stundenlang nichts, weil der Toilettengang in einem Flugzeug für Menschen mit Gehbehinderung einem hochkomplexen, logistisch kaum lösbaren Prozess gleicht.

Die Toiletten auf einer Zugfahrt aufzusuchen ist einfacher, die Vorbereitungen für eine Person im Rollstuhl in und aus dem Zug zu kommen, gleichen jedoch dem Aufwand und Nervenkitzel vor einer Arktisexpedition.

Im Jahr 2022 ist es für Menschen mit Behinderungen immer noch nahezu unmöglich, selbstbestimmt und flexibel mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen oder zu pendeln.

Selbstbestimmung wird Menschen mit Behinderungen sehr schnell verwehrt. Benötige ich Hilfe von Außenstehenden, agieren diese oft ohne richtig zuzuhören. Die Situation und Stimmung können leicht ins Negative überschwappen, wenn Zuständige im öffentlichen Nah- und Fernverkehr nicht ausgebildet werden, gezielt Hilfe zu leisten und kein Grundverständnis für Behinderung und Mobilitätshilfen haben.

Bekannte berichten von Horror-Erfahrungen auf Reisen

Bekannte mit Behinderung, die ich zum Thema selbstbestimmtes Verreisen befragt habe, erzählen ihre eigenen Horrorgeschichten: Kaputte oder gar verlorene Rollstühle, ausgekugelte Schultern aufgrund von falschen Griffen bei der Transferhilfe, übersehen im Zugabteil.

Stets sei man darauf angewiesen, dass jemand das Hilfspersonal auf die Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer, die aussteigen möchten, hinweist und so weiter.

Auch hier gibt es zwar die ein oder andere Erfolgsgeschichte, aber das Gefühl im schlimmsten Falle festzusitzen, das überwiegt deutlich.

Ich fliege alleine von Vancouver nach Deutschland, um meine Familie zu besuchen. Am Schalter gehe ich alle Punkte durch, die ich vor Betreten des Flugzeugs klären muss:
 

  • Gibt es einen Onboard-Rollstuhl, damit ich zur Toilette komme?
  • Treffe ich das Hilfspersonal am Gate, die mich dann zu meinem Platz im Flugzeug bringen?
  • Hat mein Rollstuhl den Papieranhänger, damit er dort ankommt, wo er ankommen muss?

H für Hilflosigkeit – „Ich fühle mich ausgeliefert“

Ich habe seit dem vorherigen Abend nichts bis wenig getrunken, weil mir eben dieser zehnstündige Flug bevorsteht. Es kommt, wie es kommen muss: Ich muss zur Toilette. Auf meine Frage nach dem mir bevorstehenden Prozedere, sieht mich die Flugbegleiterin schockiert an und teilt mir mit, dass der Onboard-Rollstuhl kaputt sei. Es sind noch fünf Stunden bis nach Frankfurt. Ich fühle mich ausgeschlossen und ausgeliefert – hilflos.

Erinnert an ein Gespräch Jahre zuvor, denke ich an den Servicemitarbeiter, der Konzerttickets für mich buchen soll. Er fragt nach den Kennzeichen auf meinem Schwerbehindertenausweis. Diesen Ausweis hatte ich mir bis dato noch nicht genauer angeschaut, vorne drauf steht in schwarzen Buchstaben: The holder of this card is severly disabled. (Der Inhaber dieser Karte ist schwerbehindert.) Darunter ein Foto von mir, auf dem ich nett lächle. Auf der Rückseite sind die besagten Kennzeichen: G, aG, H. Der Mitarbeiter fragt: „Was bedeutet denn H?“ Ich weiß es auch nicht. Die Konzerttickets werden trotzdem bestellt und kurz darauf klärt mich das Internet auf: H steht für Hilflosigkeit. In diesem Moment muss ich laut auflachen. Die Kategorien, die das System Menschen aufzwingt, nehmen zum Teil makabre Ausmaße an.

Dieses fettgedruckte H fühle ich am ganzen Körper. Da ich meinen Rollstuhl nicht mit in die Kabine nehmen konnte, kann ich mich somit auch nicht fortbewegen. Es sei denn, ich robbe durch den Gang, aber diese Hilflosigkeit wie sie in meinem Ausweis steht, die wird gemacht. Die Flugbegleiterin verkündet, sie konnten eine Schraube am Onboard-Rollstuhl austauschen und festziehen.

Kein Platz in der Toilette

Wir können los. Aber das Happy End bleibt aus, denn selbst, wenn der Onboard-Rollstuhl funktioniert, bin ich auf jemanden angewiesen, der diesen schiebt. Ich muss gegebenenfalls auf Privatsphäre verzichten, denn der Stuhl passt nicht vollständig in die Toiletten-Kabine, sodass die Tür nicht schließen kann. Es trennt mich nur ein Vorhang vom Rest der Passagiere. Ich muss meine eigenen Grenzen überschreiten, in dem ich fremden Menschen vertraue, die dieses Vertrauen hin und wieder gewollt oder ungewollt missbrauchen, es nicht achten. Denn in diesen Momenten brauche ich ihre Hilfe. Aber je nach helfendem Mensch wird meine Selbstbestimmung ignoriert.

Die Menschen, die zur Hilfe kommen, sind zumeist wirklich bemüht und sehr nett. Das System, in dem sie helfen müssen, ist jedoch inadäquat und kreiert Hilflosigkeit unter der Prämisse, dass Barrierefreiheit nicht immer umsetzbar, bezahlbar oder notwendig ist. Damit wird dem Thema Barrierefreiheit unterstellt, nur einer Minderheit dienlich zu sein. Aber wie in allen Bereichen der Inklusion, hilft diese nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern der Mehrheit der Bevölkerung: Familien mit Kindern, älteren Menschen, Menschen mit chronischen Krankheiten oder Schmerzen und allen, die wegen einer Verletzung, Operation oder Krankheit phasenweise in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Kurzum: Barrierefreiheit erleichtert der gesamten Gesellschaft das Leben mit dem wunderbaren Effekt, dass mehr soziale Teilhabe ermöglicht wird.

Barrierefreies Fliegen im Test

Speziell für das Thema barrierefreies Fliegen gibt es bereits Menschen, die Konzepte entwickeln, die es Menschen mit Behinderung oder auch Eltern mit ihren Kindern ermöglichen, einfacher und stressfreier zu fliegen. Die Organisation Allwheelsup (https://www.allwheelsup.org/) testet ein Konzept zum inklusiveren Flugverkehr. Sie möchte das Problem der Fluggesellschaften lösen, dass Tausende Mobilitätshilfen verloren gehen oder beschädigt werden. Demnach könnten Mobilitätshilfen einfach mit in die Kabine genommen werden. Dieser notwendige Platz steht First-Class-Fliegenden bereits zur Verfügung und wird seit Jahrzehnten nicht hinterfragt.

Das fettgedruckte H in meinem Schwerbehindertenausweis sagt viel mehr über das System, dessen Teil ich bin, als über mich im Speziellen aus. Ich bin vor allem dann hilflos, wenn ich das System in diesen Momenten nicht sofort ändern oder anpassen kann. Aber in einem System, in dem einige Wenige ins Weltall reisen und die Mehrheit hart um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen muss, sind wir vielleicht alle ein bisschen hilflos und dann gehört das System angepasst.

Fun Fact: Während meiner Recherche folgte ich einem Link zur 2. Auflage des Handbuchs: „Barrierefreier ÖPNV in Deutschland“ des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr und landete bei einer Fehlermeldung, die mich darauf hinwies: „Ups… spaceship lost“.  

Der Artikel, der mich zu diesem Text inspirierte: https://time.com/6111731/flying-disabled/

Sabrina Busch